Hütten & Corona-Hygienemaßnahmen: Erfahrungen

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GeorgD
Beiträge: 11
Registriert: Sa 12. Sep 2015, 01:34

Hütten & Corona-Hygienemaßnahmen: Erfahrungen

Beitrag von GeorgD »

Hallo zusammen,

um als Bergaktive eine informierte Entscheidung treffen zu können, müssen wir bei der Tourenplanung ausreichend viel über die Situation vor Ort wissen. Für Wege, Wetter usw. sind wir das gewohnt und haben unsere Quellen, aber welche Hygienemaßnahmen im Kontext von Corona bei welcher Hütte fürs Mittagessen oder die Übernachtung angewendet werden? Genau solche Praxis-Informationen hätten am vergangenen Wochenende einige Hütten-Besucher gerne vor der Tour gehabt, teils wegen des subjektiv als zu hoch empfundenen Ansteckungsrisikos, teils, weil eine Quarantäne in den 14 Tagen nach der Tour einfach extrem ungelegen wäre. Daher will ich hier meine Erfahrungen teilen und andere können gerne ihre ergänzen.

Ich war um den 19.7.2020 im Montafon, also Vorarlberg in Österreich.
  • Egal, ob die Hütten vom OeAV, DAV oder Privatleuten betrieben werden, die formalen Regeln fürs Betreten der Hütte sind identisch, werden von der jeweiligen Regierung augestellt, waren überall ausgehängt und besagen insbesondere:
    1. Mindestens 1m Abstand außerhalb der eigenen Besuchergruppe von max 4 Erwachsenen zuzüglich Kindern
    2. Mundschutz beim Betreten & Verlassen des Lokals tragen
    3. Hände mehrmals täglich mit Wasser & Seife waschen.
    Diese Regeln wurden in der Realität in keiner der 5 besuchten Hütten auch nur halbwegs konsequent eingehalten. Der eine Wirt begrüßte per Händedruck und aus langjähriger Gewohnheit machten alle mit, fragten sich wenn überhaupt dann erst hinterher, ob das passend war. An vielen Tischen im Innenbereich saßen mehrere Besuchergruppen und/oder mehr als 4 Erwachsene (8-12 waren nicht selten). Von den Gästen trugen nur wir Masken und wurden wiederholt sehr irritiert angeschaut. Von allen Wirtsleuten und Bedienungen trug niemand eine Maske. Oft gab es auf Toiletten und/oder Waschräumen keine Seife, Tagesgäste bringen selten eine eigene Seife mit, Übernachtungsgäste möchten sie oft nicht extra aus dem Lager/Zimmer holen, entsprechend selten haben wir "Händewaschen mit Seife" beobachtet - ganz abgesehen davon, dass so einige Gäste selbst eine bereitstehende Seife nicht benutzten.
  • Die Lüftung von fensterlosen, innenliegenden Toiletten-, Dusch- und Waschräumen war überall ausgeschaltet, d.h. die Luft stand im Raum und wurde nicht durch Außenluft verdünnt/ausgetauscht.
  • Übernachtungsregeln:
    1. Übernachtung nur nach Voranmeldung (meistens Online-Buchungssystem)
    2. Alle müssen ihren eigenen Kopfkissenbezug und Sommerschlafsack mitbringen & nutzen. Tipp für die Nordalpen: Der sollte bei 2000m auch bei +10°C noch komfortabel wärmen, denn so frisch wird's im Sommer auch in Innenräumen.
    3. Decken der Hütte liegen zwar im Zimmer/Lager, aber dürfen nicht genutzt werden.
    4. Zwischen Personen verschiedener Haushalte müssen Trennbretter oder ein Mindestabstand von IIRC 1m eingehalten werden.
    5. Biwak im Hüttenbereich verboten.
    Soweit wir mitbekamen, wurden diese Regeln auf allen 3 Hütten eingehalten, bedeuteten aber durchaus Vollbelegung, weil die Stockbetten weit genug auseinander standen und jeder Stock über 1m hoch war. Konkret hieß das bspw. 8 Menschen aus 5 Haushalten die ganze Nacht auf vielleicht 15qm. In unseren Zimmern war der Konsens, die Fenster durchgehend offen zu lassen - in der Hoffnung, dass nicht nur "gewisse Gase" sondern auch die Aerosole rausgelüftet & verdünnt werden. Soweit wir mitbekommen haben, werden bei den großen Hütten so viele Plätze wie möglich belegt, während bei den kleinen privaten Hütten, wo die Übernachtungen nur einen Nebenverdienst darstellen, ein Lager/Zimmer je nach Wirtsleuten durchaus nur mit einer Gruppe belegt wird, auch wenn das die Zahl der Übernachtungsgäste drastisch sinken lässt.
  • Essen tagsüber: Bei unserer Tour war das Wetter gut genug, dass man tags draußen sitzen konnte. Bei allen Hütten & Almen war genug Platz, dass die Tische weit auseinander standen und pro Tisch haben wir meistens auch nur eine Gruppe wahrgenommen.
  • Abendessen und Abendgestaltung: Es gibt meist nur einen großen Raum für Essen & Aufenthalt. Alle Gäste mit Halbpension bekamen wie üblich ihr Essen zugleich. Entsprechend voll, dampfig & bollewarm war es ab 18 Uhr, es wurde Alkohol getrunken, die Stimmung wurde locker, die Leute lachten, redeten viel & laut und blieben stundenlang, weil es draußen zwar trocken aber mit rund +10°C doch arg unkommod war. Deshalb wurde ein geöffnetes Fenster auch sehr schnell wieder zugemacht.
Ihr seht, das ist keine nach wissenschaftlich anerkannter Methode erhobene & ausgewertete Untersuchung, das ist nicht auf alle Hütten in allen Zielgebieten zu jedem Zeitpunkt übertragbar. Nein, das sind nur meine persönlichen Beobachtungen & Erfahrungen & Sichten, die "nur" als eine Information & Denkanregung dienen können. Letztlich muss jedeR bei der Tourenplanung Corona genau wie die altbekannten Risiken (Wettersturz, Lawinen, Verletzung,...) einschätzen und bewerten. Also wie stark sich unter diesen Bedingungen Tröpfchen & Aerosole ansammeln, über Tische/Betten hinweg verteilen und Zeit haben zu wirken. Wie groß man das Risiko für Infektion und Quarantäne angesichts der enormen Kontakt-Dauer & -Nähe einschätzt, wenn auch nur einer der bis zu 100 Übernachtungsgäste Corona-positiv sein sollte. Wie man diese Risiken reduzieren kann/möchte. Und schließlich, ob man das Restrisko eingehen will.

Einige Hütten-Besucher waren mit den praktischen Hygienemaßnahmen offenbar vollauf zufrieden und tiefenentspannt. Andere wollten bis zum Ende der Corona-Problematik gar nicht mehr auf Hütten übernachten sondern nur noch tagsüber essen. Wieder andere wollten zum Übernachten nur noch kleine Hütten mit geringer Belegung auswählen. Welcher Ansatz jeweils individuell passt, müssen wir alle für uns selbst entscheiden.

Ich wünsche uns allen schöne & sichere Touren :)
Georg

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